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Die Nordsee ist aufgewühlt vor Westerland. Krachend brechen die Wellen im Wind und schieben die zu Schaum geschlagene Gelatineschicht der abgestorbenen Phaeocystis globosa an den Strand.
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Wie eine Laterne hängt der Vollmond über der Lügenbrücke nahe Munkmarsch. Windstille bei Niedrigwasser. Watt bis zum Horizont.
Nördlich des Hindenburgdammes
Die Sonne tanzt über die Kräuselungen der Wasseroberfläche, punktuell, glitzernd, zwischen dichten Wolken hindurch. Ein schnelles Wechselspiel im steten Wind. Die Ebbe ist vorangeschritten. Die Buhnen werden sichtbar. Ein Schwarm Austernfischer steigt zwischen ihrer geometrischen Anordnung auf.
Der Wind weht von Landseite und verfängt sich als feines Rascheln in den Kronen der Ulmen. Insekten stehen in der Luft. Vögel zwitschern. Die Sonne gewinnt an Kraft. Die Kartoffelrosenknospen zeigen erste feine rosa Linien. In wenigen Tagen wird der Weg von pinker Blütenpracht gesäumt sein. Ein hölzernes, flaches, grünes Gartentor neben einem braunen. Die Häuser, tief in die Dünen gebaut, geben nur den Blick auf Reetdach und die oberste Reihe Sprossenfenster, in weiß getünchten oder farbig holzvertäfelten Mauern, frei.
Der Seeseite abgewandt: Friesenwälle als Gartenbegrenzung mit dicht bewachsenen Hecken und Büschen. Die weißen Blütenstände der hochgewachsenen Kastanien im alten Kirchweg wippen im üppigen Grün. Selbstgemachte Marmelade und Honig stehen in einem kleinen Holzkasten bereit, um von vorbeikommenden Spaziergängern gegen Barzahlung in eine Kasse mitgenommen zu werden. Schmal sind die Fußwege. Ein beständiges Rauschen und Wispern zieht durch die Straßen. Gemütlich sind die Menschen unterwegs, verlieren sich in den gewundenen Gassen.
Die Strandkörbe in den Gärten und Parks sind der Sonne zugewandt. Lesen. Unterhalten. Ausruhen. Ein paar Radfahrer kommen vorbei. Eine Gruppe Urlauber bestaunt die Häuser, ihre inseltypische Bauweise. Ein offenes Gartenstück am Kliff gibt die Sicht frei aufs Meer. Das Schilf ist mannshoch. Durch feine, braune Linien der Blick aufs Watt. Ölig glänzend. Ein stetiges Blubbern und Glucksen ist zwischen den lauten Rufen der Möwen im Schlick zu hören. Austernfischer und stolzierende Säbelschnäbler stochern im feinen Sediment. Zwei Reiter galoppieren den schmalen, mit einer Kordel vom Spazierweg getrennten Pfad am Strand entlang.
An der Kreuzung Museumsweg sind Stimmen zu hören. Neben satt blühenden Pfingstrosen hängt Wäsche zum Trocknen in der Sonne. Nur eine leichte Brise hebt sie an, passend zur Trägheit und Ruhe des Ortes. Bewohnt und zugleich unbewohnt wirken die Häuser mit ihren Eingangstüren, die offen stehen, um die aufkommende Wärme der Maisonne tief in die Räume zu lassen.
Walter spaziert vorbei. Mit seinem dichten Fell genießt der Corgi vor allem die Herbst- und Wintermonate mit kalten Temperaturen und kräftigen Stürmen. Nach ein paar Streicheleinheiten legt er sich an seinen Lieblingsplatz unter eine Holzbank, mit Blick aufs Meer, unweit der Lügenbrücke. Dünen, bewachsen mit Glockenheide, Felsenbirnen, strahlend gelb blühendem Hornklee und zart violett blühenden Strand-Grasnelken, geben weich bei jedem Tritt nach. Zum Watt hin stehen Pfeifengras und in Büscheln wachsender Strandhafer. Ein schwer mit Blütenständen behangener Fliederstrauch verströmt seinen Duft in der Abendsonne. Kies knirscht unter unseren Füßen.
Ich trinke Ostfriesen-Tee mit Hafermilch aus einer Sauciere – dem größten Pott, den ich in unserer Ferienwohnung finden konnte – und denke an Frau Schwarz.
Bordeauxrote Turnschuhe zur rosa-weiß karierten Hose. Das klassisch geschnittene helle Hemd lässig unter dem sattroten Pullover drapiert. Im Kontrast dazu das auffällig gearbeitete Perlenarmband mit großen leuchtend gelben und metallenen Kugeln. Ein ansteckend fröhliches Lachen durchströmt die frisch renovierte Buchhandlung. Rauhaardackel-Hündin Elsa liegt unter der sorgfältig ausgewählten Auslage und genießt das Ambiente. Mit jugendlicher Unbeschwertheit ist die Dreiundneunzigjährige ins Gespräch vertieft. Ihr Bericht über alltägliche Kleinigkeiten wechselt übergangslos in eine sachkundige Beratung zur Buchauswahl – raumeinnehmend mit feiner und humorvoller Ausdrucksweise. Die Lesebrille tief auf der Nase sitzend, merkt Frau Schwarz ihr großes Glück über das Weiterbestehen der Büchertruhe an und genießt sichtlich die Leichtigkeit, im Laden tätig zu sein, ohne die Komplexität der Wirtschaftlichkeit tragen zu müssen. Für Bestellungen sei jetzt Frau Ditting zuständig, erklärt sie dem Anrufer mit einem verschmitzten Lächeln, und verweist auf die neue Inhaberin, der sie ihren Laden nach fünfundvierzigjähriger Leitung übergeben hat. Es ist nicht möglich, die Büchertruhe aufzusuchen und sie mit leeren Händen zu verlassen. Zwei Herren am Strand, Montauk und Die Kraft der Liebe begleiten mich.
The sun dances across the ripples of the water's surface, here and there, glittering, through dense clouds. A quick interplay in the constant wind. The ebb has advanced. The groynes become visible. A flock of oystercatchers rises within their geometric arrangement.
The wind blows in from the land and catches in the crowns of the elms as a fine rustling. Insects hang in the air. Birds chirp. The sun gathers strength. The rugosa rosebuds show the first fine pink lines. In a few days the path will be lined with a blaze of pink blossom. A low, green, wooden garden gate beside a brown one. The houses, built deep into the dunes, reveal only their thatched roof and the top row of windows with glazing bars, set in whitewashed or colourfully panelled walls.
Turned away from the sea: Frisian walls as garden boundaries, with densely overgrown hedges and shrubs. The white flower spikes of the tall chestnut trees on Alter Kirchweg bob in the lush green. Homemade jam and honey stand ready in a small wooden box, to be taken by passing walkers in exchange for cash left in a tin. The footpaths are narrow. A constant rushing and whispering drifts through the streets. People are out at a leisurely pace, losing themselves in the winding lanes.
The hooded wicker Strandkörbe in the gardens and parks face the sun. Reading. Talking. Resting. A few cyclists pass by. A group of holidaymakers marvel at the houses, their building style so typical of the island. An open stretch of garden at the cliff opens up the view of the sea. The reeds stand as tall as a man. Through fine brown lines, the view of the mudflats. Gleaming like oil. A steady bubbling and gurgling can be heard in the mud between the loud cries of the gulls. Oystercatchers and strutting avocets probe the fine sediment. Two riders gallop along the narrow path by the beach, separated from the walking path by a cord.
At the Museumsweg crossroads, voices can be heard. Beside peonies in full bloom, laundry hangs in the sun to dry. Only a light breeze lifts it, in keeping with the languor and calm of the place. The houses seem inhabited and uninhabited at once, their front doors standing open to let the rising warmth of the May sun deep into the rooms.
Walter strolls past. With his thick coat, the corgi most enjoys the autumn and winter months, with their cold temperatures and strong storms. After a few strokes he settles into his favourite spot beneath a wooden bench, with a view of the sea, not far from the Lügenbrücke. Dunes, overgrown with cross-leaved heath, juneberries, brilliant yellow flowering bird's-foot trefoil and softly violet flowering thrift, give way softly underfoot with every step. Towards the mudflats stand purple moor grass and marram grass growing in tufts. A lilac bush hung heavy with flower clusters releases its scent into the evening sun. Gravel crunches beneath our feet.
I drink East Frisian tea with oat milk from a gravy boat – the biggest pot I could find in our holiday flat – and think of Mrs Schwarz.
Bordeaux-red trainers with pink-and-white checked trousers. The classically cut pale shirt draped casually beneath the deep red jumper. In contrast, the strikingly worked pearl bracelet with large, bright yellow and metallic beads. An infectiously cheerful laugh flows through the freshly renovated bookshop. Elsa, the wire-haired dachshund, lies beneath the carefully selected display and enjoys the atmosphere. With youthful lightness, the 93-year-old is absorbed in conversation. Her account of everyday trifles turns seamlessly into expert advice on choosing a book – commanding the room, with a fine and humorous turn of phrase. Her reading glasses sitting low on her nose, Mrs Schwarz remarks on her great happiness that the Büchertruhe lives on, and visibly enjoys the lightness of working in the shop without having to carry the complexity of making it pay. Orders are now Mrs Ditting's responsibility, she explains to the caller with a mischievous smile, referring to the new owner to whom she handed over her shop after 45 years at the helm. It is not possible to visit the Büchertruhe and leave empty-handed. Zwei Herren am Strand, Montauk and Die Kraft der Liebe accompany me.
Sardinia | Italy