top of page
2025_Sylt_Munkmarsch_Wattenmeer_nördlich_des_Hindenburgdammes (5).jpg
2025_Sylt_Keitum_Hornklee_Büchertruhe_Hildegard_Steiner-Schwarz (1).jpg

Die Nordsee ist aufgewühlt vor Westerland. Krachend brechen die Wellen im Wind und schieben die zu Schaum geschlagene Gelatineschicht der abgestorbenen Phaeocystis globosa an den Strand.

2025_Sylt_Keitum (6).jpg
2025_Sylt_Munkmarsch_Wattenmeer_nördlich_des_Hindenburgdammes (1).jpg
2025_Sylt_Munkmarsch_Watt_Blick_Richtung_Lügenbrücke (1).jpg
2025_Sylt_Keitum (5).jpg
2025_Sylt_Keitum_Büchertruhe_Hildegard_Steiner-Schwarz (3).jpg
2025_Sylt_Munkmarsch_Wattenmeer_nördlich_des_Hindenburgdammes (4).jpg
2025_Sylt_Munkmarsch_Sönshörn14 (2).jpg
2025_Sylt_Munkmarsch_Sönshörn14 (3).jpg
2025_Sylt_Munkmarsch_Wattenmeer_nördlich_des_Hindenburgdammes (3).jpg
2025_Sylt_List_am_Deich (5).jpg
2025_Sylt_List_am_Deich (6).jpg
2025_Sylt_List_am_Deich (1).jpg

Wie eine Laterne hängt der Vollmond über der Lügenbrücke nahe Munkmarsch. Windstille bei Niedrigwasser. Watt bis zum Horizont.

Nördlich des Hindenburgdammes 

 

Die Sonne tanzt über die Kräuselungen der Wasseroberfläche, punktuell, glitzernd, zwischen dichten Wolken hindurch. Ein schnelles Wechselspiel im steten Wind. Die Ebbe ist vorangeschritten. Die Buhnen werden sichtbar. Ein Schwarm Austernfischer steigt zwischen ihrer geometrischen Anordnung auf.

Der Wind weht von Landseite und verfängt sich als feines Rascheln in den Kronen der Ulmen. Insekten stehen in der Luft. Vögel zwitschern. Die Sonne gewinnt an Kraft. Die Kartoffelrosenknospen zeigen erste feine rosa Linien. In wenigen Tagen wird der Weg von pinker Blütenpracht gesäumt sein. Ein hölzernes, flaches, grünes Gartentor neben einem braunen. Die Häuser, tief in die Dünen gebaut, geben nur den Blick auf Reetdach und die oberste Reihe Sprossenfenster, in weiß getünchten oder farbig holzvertäfelten Mauern, frei. 

Der Seeseite abgewandt: Friesenwälle als Gartenbegrenzung mit dicht bewachsenen Hecken und Büschen. Die weißen Blütenstände der hochgewachsenen Kastanien im alten Kirchweg wippen im üppigen Grün. Selbstgemachte Marmelade und Honig stehen in einem kleinen Holzkasten, gegen Barzahlung in eine Kasse, bereit, um von vorbeikommenden Spaziergängern mitgenommen zu werden. Schmal sind die Fußwege. Ein beständiges Rauschen und Wispern zieht durch die Straßen. Gemütlich sind die Menschen unterwegs; verlieren sich in den gewundenen Gassen. 

Die Strandkörbe in den Gärten und Parks sind der Sonne zugewandt. Lesen. Unterhalten. Ausruhen. Ein paar Radfahrer kommen vorbei. Eine Gruppe Urlauber bestaunt die Häuser, ihre inseltypische Bauweise. Ein offenes Gartenstück am Kliff gibt die Sicht frei aufs Meer. Das Schilf ist mannshoch. Durch feine, braune Linien der Blick aufs Watt. Ölig glänzend. Ein stetiges Blubbern und Glucksen ist zwischen den lauten Rufen der Möwen im Schlick zu hören. Austernfischer und stolzierende Säbelschnäbler stochern im feinen Sediment. Zwei Reiter galoppieren den schmalen, mit einer Kordel vom Spazierweg getrennten, Pfad am Strand entlang. 

An der Kreuzung Museumsweg sind Stimmen zu hören. Neben satt blühenden Pfingstrosen hängt Wäsche zum Trocknen in der Sonne. Nur eine leichte Brise hebt sie an, passend zur Trägheit und Ruhe des Ortes. Bewohnt und zugleich unbewohnt wirken die Häuser mit ihren offen stehenden Eingangstüren, um die aufkommende Wärme der Maisonne tief in die Räume zu lassen.

Walter spaziert vorbei. Mit seinem dichten Fell genießt der Corgi vor allem die Herbst- und Wintermonate mit kalten Temperaturen und kräftigen Stürmen. Nach ein paar Streicheleinheiten legt er sich an seinen Lieblingsplatz unter eine Holzbank, mit Blick aufs Meer, unweit der Lügenbrücke. Dünen, bewachsen mit Glockenheide, Felsenbirnen, strahlend gelb blühenden Hornklee und zart violett blühenden Strand-Grasnelken geben weich bei jedem Tritt nach. Zum Watt hin stehen Pfeifengras und in Büscheln wachsender Strandhafer. Ein schwer mit Blütenständen behangener Fliederstrauch verströmt seinen Duft in der Abendsonne.

Kies knirscht unter unseren Füßen.

Ich trinke Ostfriesen-Tee mit Hafermilch aus einer Sauciere - den größten Pott, den ich in unserer Ferienwohnung finden konnte - und denke an Frau Schwarz. 

Bordeauxrote Turnschuhe zur rosa-weiß karierten Hose. Das klassisch geschnittene helle Hemd lässig unter dem sattroten Pullover drapiert. Im Kontrast dazu das auffällig gearbeitete Perlenarmband mit großen leuchtend gelben und metallenen Kugeln. Ein ansteckend fröhliches Lachen durchströmt die frisch renovierte Buchhandlung. Rauhaardackel-Hündin Elsa liegt unter der sorgfältig ausgewählten Auslage und genießt das Ambiente. Mit jugendlicher Unbeschwertheit ist die Dreiundneunzigjährige ins Gespräch vertieft. Ihr Bericht über alltägliche Kleinigkeiten wechselt übergangslos in eine sachkundige Beratung zur Buchauswahl - raumeinnehmend mit feiner und humorvoller Ausdrucksweise. Die Lesebrille tief auf der Nase sitzend, merkt Frau Schwarz ihr großes Glück über das Weiterbestehen der Büchertruhe an und genießt sichtlich die Leichtigkeit, im Laden tätig zu sein, ohne die Komplexität der Wirtschaftlichkeit tragen zu müssen. Für Bestellungen sei jetzt Frau Ditting zuständig, erklärt sie dem Anrufer mit einem verschmitzten Lächeln, und verweist auf die neue Inhaberin, der sie ihren Laden nach fünfundvierzigjähriger Leitung übergeben hat. Es ist nicht möglich, die Büchertruhe aufzusuchen und sie mit leeren Händen zu verlassen. „Zwei Herren am Strand“, „Montauk“ und „Die Kraft der Liebe“ begleiten mich.

 

The sun dances across the ripples of the water’s surface—here and there, glittering—piercing through dense clouds. A quick shifting of light in the constant wind. The tide has ebbed. The wooden groynes begin to emerge. A flock of oystercatchers rises between their geometric rows.

The wind blows in from the land and gathers in the crowns of the elms as a fine rustling. Insects hover in the air. Birds chirp. The sun gathers strength. The rugosa rosebuds are traced with the faintest pink. In a few days, the path will be lined with a blaze of pink blossoms. A low green wooden gate stands beside a brown one. The houses, built deep into the dunes, reveal only their thatched roofs and the top row of mullioned windows, set into whitewashed or colorful wood-paneled walls.

On the landward side, Frisian stone walls mark the garden boundaries, with densely overgrown hedges and shrubs. The white flower clusters of the tall chestnut trees along the old church path sway in the lush greenery. Homemade jam and honey sit in a small wooden box, ready to be taken by passing walkers in exchange for cash left in a tin. The footpaths are narrow. A constant hush and murmur drifts through the streets. People move at an easy pace, losing themselves in the winding lanes.

The beach chairs in the gardens and parks face the sun. Reading. Talking. Resting. A few cyclists pass by. A group of holidaymakers admire the houses and their architecture so typical of the island. An open stretch of garden at the cliff reveals the sea. The reeds stand taller than a man. Through fine brown lines, the mudflats come into view, gleaming like oil. A steady bubbling and gurgling can be heard in the mud between the loud cries of the gulls. Oystercatchers and strutting avocets probe the fine sediment. Two riders gallop along the narrow path by the beach, separated from the walking trail by a cord.

At the Museumsweg crossroads, voices can be heard. Laundry hangs in the sun beside peonies in full, abundant bloom. Only a light breeze lifts it, in keeping with the languor and calm of the place. The houses, with their doors standing open to let the growing warmth of the May sun seep deep inside, feel both lived-in and curiously empty.

Walter strolls past. With his thick coat, the corgi thrives thrives in the cold and stormy months of autumn and winter. After a few pats, he settles into his favorite spot beneath a wooden bench, with a view of the sea, not far from the Lügenbrücke. Dunes, overgrown with bell heather, serviceberries, brightly yellow-blooming bird’s-foot trefoil, and delicately violet thrift, give softly underfoot. Toward the mudflats, purple moor grass and clusters of beach grass grow. A lilac bush heavy with blossoms releases its fragrance into the evening sun.

Gravel crunches beneath our feet.

I drink East Frisian tea with oat milk from a gravy boat — the largest vessel I could find in our holiday apartment — and think of Mrs. Schwarz.

Bordeaux-red sneakers with pink-and-white checked trousers. A classically cut pale shirt casually arranged beneath a rich red sweater. In contrast, a strikingly crafted pearl bracelet with large, bright yellow and metallic beads. An infectiously cheerful laugh fills the freshly renovated bookshop. Elsa, the wire-haired dachshund, lies beneath the carefully arranged display and enjoys the atmosphere. With youthful lightheartedness, the ninety-three-year-old is absorbed in conversation. Her stories about small, everyday things slip effortlessly into knowledgeable advice on book selections—delivered with warmth, wit, and a finely tuned way of speaking. Her reading glasses perched low on her nose, Mrs. Schwarz’s happiness at seeing the Büchertruhe live on is evident, and she clearly relishes the ease of working in the shop without having to worry about the business side of things. For orders, she explains to a caller with a mischievous smile, Mrs. Ditting is now responsible, referring to the new owner to whom she handed over her shop after forty-five years at the helm. It is impossible to visit the Büchertruhe and leave empty-handed. Two Gentlemen on the Beach, Montauk, and The Power of Love accompany me.

Sardinia | Italy

bottom of page